Oans, zwoa, g’suffa – in Texas

Klischees leben überall, aber ganz besonders in Amerika. Als ich
zum ersten Mal in die USA reiste, musste ich mich gleich am ersten
Abend zwei direkten Fragen stellen: „Where are your Lederhosen?”
und „Rolf, can you teach us all the words of oans, zwoa, g’suffa?”

Sechs leuchtende Gesichter starrten mich voller Erwartung an.
Auch an den Nachbartischen im Restaurant der texanischen Kleinstadt
wurde es mit einem Schlag still. Alle, wirklich alle Augenpaare
im Lokal wanderten von meinen Bluejeans hinauf zu meinen
Lippen.

Nun ist die Sache so: Meine Krachlederne habe ich im Alter von
zwölf Jahren für immer abgelegt und vom Hofbräuhaus-Dauerbrenner
kenne ich nur den Refrain.
Stille im Salon. In regelmäßiger Abfolge bildete sich ein Schweißperlchen
nach dem anderen auf meiner Stirn. Ich musste etwas
tun. Irgend etwas Dolles.
Da kam mir der rettende Gedanke: Ich zog mein Jackett aus, krempelte
die Hemdsärmel hoch – und begann hemmungslos zu jodeln.
Jodeln habe ich noch nie gekonnt. Aber das war mir in dieser
Situation völlig egal.
Alle strahlten. Als ich dann meine Tischnachbarin auch noch unterhakte
und zu schunkeln begann, gab es im Lokal kein Halten mehr.
Standing ovations. Im tosenden Applaus spendierte ich „beer for
all lovers” – spätestens da war ich der Größte.

In den folgenden Stunden erzählte ich leicht und locker vom Oktoberfest:
Von riesigen Zelten mit bayerischen Humptata-Bands. Von
drallen Bedienungen, die acht schwere Maßkrüge aus Stein auf
einen Schlag an die Bierbänke schaffen. Von mächtigen Ochsen am
Spieß und Weißwürsten zum Frühstück. Und von Touristen aus
Japan, die Lodenhütchen aufsetzen und sich gegenseitig ständig
fotografieren. Ich schwärmte von Schweinshax’n und Sauerkraut –
wonderful. Von Radi und Brez’n – fantastic.

Nie war ich auf dem Oktoberfest, aber das machte überhaupt
nichts. Alle waren glücklich an diesem Abend in Texas. Auch ich.
Nach meiner Lederhose hat keiner mehr gefragt. Und eine kleine
Liedzeile reichte völlig aus, um einen Siegeszug durch die ganze
Stadt anzutreten: „In Munich there’s a Hofbräuhaus. Oans, zwoa,
g’suffa!”

Erschienen in Clever Reisen 03/15: Kein Bayer in Texas